
Radiopharma-Fusion mit Telix: ITM strahlt nun in australischen Dollars
Telix übernimmt ITM für 1,65 Mrd. US-Dollar. Der australische Radiopharma-Spezialist Telix will das Münchner Unternehmen ITM Isotope Technologies übernehmen. 1,65 Mrd. US-Dollar zahlt Telix zunächst, weitere 700 Mio. US-Dollar können bei Zulassung und kommerziellen Meilensteinen von ITM-11 folgen. Ein Großteil des Deals erfolgt über Aktienzuteilungen bei der börsennotierten Telix. Nach dem Verkauf von Tubulis geht damit der nächste mit vielen Fremd-Millionen ausgestatte Biotech-Star der Region an eine ausländische Firma.
Der Radiopharma-Markt bekommt einen weiteren großen Zusammenschluss: Telix Pharmaceuticals aus Australien und ITM Isotope Technologies Munich wollen ihre Unternehmen zusammenführen. Telix bewertet ITM dabei mit zunächst 1,65 Mrd. US-Dollar auf schulden- und liquiditätsfreier Basis. Rund 1,25 Mrd. US-Dollar davon sollen in Form von Telix-Aktien an die ITM-Eigentümer gehen. Weitere bis zu 700 Mio. US-Dollar sind an regulatorische und kommerzielle Meilensteine für ITM-11 geknüpft.
Nach dem Zusammenschluss sollen die bisherigen Telix-Aktionäre rund 76,3% und die ITM-Eigentümer 23,7% an dem fusionierten Unternehmen halten. Der Abschluss ist vorbehaltlich der Zustimmung der Telix-Aktionäre und weiterer Genehmigungen bis Ende 2026 vorgesehen.
Radioisotope treffen auf Radiopharma-Pipeline
Für Telix liegt der strategische Wert von ITM vor allem in dessen Produktionsplattform. Das Münchner Unternehmen produziert therapeutische Radioisotope und verfügt über Kompetenzen bei Lutetium-177, Actinium-225 und Terbium-161. Nach Angaben von Telix ist ITM der einzige Hersteller von kommerziell verfügbarem, weltweit produziertem Lutetium-177. Das Unternehmen beliefert damit sowohl bereits zugelassene als auch in Entwicklung befindliche Radiopharmaka.
ITM bringt zugleich eine eigene therapeutische Pipeline ein. Im Zentrum steht ITM-11 beziehungsweise 177Lu-Edotreotid, ein auf den Somatostatinrezeptor zielendes Radiopharmakon gegen gastroenteropankreatische neuroendokrine Tumoren (GEP-NETs). Die Phase-III-Studie COMPETE wurde erfolgreich abgeschlossen; eine weitere Phase-III-Studie, COMPOSE, soll die Anwendung in weiteren Patientengruppen untersuchen. Eine Zwischenanalyse wird im ersten Halbjahr 2027 erwartet.
Damit verbindet die Transaktion zwei unterschiedliche Teile der Wertschöpfungskette: ITM bringt die Radioisotopenproduktion und einen späten therapeutischen Kandidaten ein, Telix seine kommerzielle Infrastruktur und eigene Radiopharmazeutika. Das fusionierte Unternehmen soll nach Managementangaben 2026 pro forma mehr als 1,3 Mrd. US-Dollar Umsatz und Gewinn erzielen; das ITM-Isotopengeschäft ist bereits profitabel und generiert Cashflow.
Viele Millionen wurden in Garching eingesammelt
Bemerkenswert ist der Zusammenschluss auch vor dem Hintergrund der Finanzierungsgeschichte von ITM. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren schrittweise zu einem der kapitalstärksten privaten Radiopharma-Unternehmen Europas entwickelt.
Allein die seit 2021 öffentlich bezifferten Eigenkapital- und eigenkapitalähnlichen Finanzierungen summieren sich auf über 800 Mio. Euro. Bemerkenswert war in den vergangenen Jahren die Größenordnung solcher Finanzierungen. 2023 setzte ITM mit einer Runde über 255 Mio. Euro einen Rekord für die deutsche Szene. Temasek führte die Finanzierung an; beteiligt waren unter anderem BlackRock Alternatives, Qatar Investment Authority, Nextech, ATHOS und Carbyne. Die Strüngmann-Familie stieg damals über ATHOS als Investor ein.
Radiopharma als vertikale Industrie
Die Übernahme passt zu einer Entwicklung, bei der die Kontrolle über Radioisotope zunehmend zu einem strategischen Faktor für Radiopharma-Unternehmen wird. Die therapeutischen Wirkstoffe sind auf eine zuverlässige Versorgung mit geeigneten Isotopen angewiesen; gleichzeitig müssen Herstellung, Radiochemie, Konjugation, Logistik und die zeitkritische Auslieferung an Kliniken zusammenspielen.
Genau diese vertikale Integration ist der Kern der Telix-Strategie. Mit ITM erhält das Unternehmen nicht nur einen weiteren Pipeline-Kandidaten, sondern auch eine etablierte industrielle Basis für die Versorgung mit therapeutischen Isotopen. ITM verfügt über ein Vertriebsnetz in mehr als 65 Ländern und erzielte 2025 nach Angaben von Telix einen Umsatz von 273 Mio. US-Dollar. Zwischen 2021 und 2025 wuchs der Umsatz demnach mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von 40%. Wie kann ein Unternehmen ohne eigenes zugelassenes Produkt solche Umsätze generieren? Ein großer Teil davon sind Radiopharma-Lieferungen an andere radiotherapeutisch (oder auch diagnostisch) aktive Unternehmen, rund 10% des Umsatzes generierten sich jedoch auch schon aus Erlösen aus einer Vermarktung eigener Radioligandentherapeutika und – diagnostika im Modus des „compassionate use“.
Für ITM wiederum bedeutet der Zusammenschluss den Übergang von einem privat finanzierten Radiopharma-Spezialisten zu einem Bestandteil eines börsennotierten, international aufgestellten Unternehmens. Dass die Transaktion nach Jahren hoher Investitionen nun bei einem Unternehmenswert von 1,65 Mrd. US-Dollar zustande kommt, gibt zugleich eine Größenordnung dafür vor, welchen Wert Investoren und Management inzwischen in der Kombination aus Radioisotopenproduktion, Technologieplattform und eigener klinischer Pipeline sehen.
Ein Blick auf die Finanzierungshistorie bei ITM
Das radiopharmazeutische Biotech-Unternehmen ITM Isotope Technologies Munich SE hat insgesamt mehr als 800 bis 900 Mio. Euro (bzw. wohl deutlich über 900 Mio. US-Dollar) an externem Kapital durch Eigenkapital- , Kredit- und Fremdkapitalfinanzierungen eingesammelt. Die Finanzierung teilt sich primär auf die folgenden großen Rekordrunden auf:
2025: Bis zu 262,5 Mio. USD (ca. 240 Mio. €) als nicht-verwässernder Kredit von Blue Owl Capital (davon 140 Mio. USD direkt bei Abschluss).
2024: 188 Mio. Euro in einer von Temasek angeführten Runde, an der sich auch BlackRock und die Qatar Investment Authority (QIA) beteiligten.
2023: 255 Mio. Euro, eine der größten Biotech-Finanzierungsrunden in Deutschland überhaupt, unter anderem unter Beteiligung der Strüngmann-Brüder (Athos).
Frühere Runden (2021–2022): Ca. 91 Mio. Euro, aufgeteilt in eine strategische Beteiligung von Grand Pharma (25 Mio. Euro), den kanadischen ICIF (33 Mio. Euro) sowie eine Wandelanleihe (25 Mio. Euro).
Nach Tubulis weiterer Ausverkauf in München?
Gerade erst waren über die Sommerpause die Schlagzeilen zum Milliardenverkauf der Münchner ADC-Firma Tubulis an Gilead in den Hintergrund getreten, nun der nächste, nicht wirklich überraschende, Verkauf im Münchner Norden.
Auf den ersten Blick wirkt der ITM-Deal dazu fast zurückhaltend oder konservativer bewertet als der Megadeal von Tubulis. Man könnte erwarten, dass ein Unternehmen wie ITM, das bereits 273 Mio. US-Dollar Umsatz generiert und kurz vor einer Zulassung steht, deutlich teurer sein müsste als eine Firma in der frühen klinischen Phase. Dass der Deal so gestrickt ist, liegt jedoch nicht an mangelnder Qualität von ITM, sondern an drei strategischen und finanziellen Faktoren.
Die Finanzkraft der Käufer (Gilead vs. Telix): Gilead Sciences ist ein globaler Pharmagigant (Big Pharma) mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. Dollar. Gilead kann problemlos 3,15 Mrd. Dollar in bar auf den Tisch legen, um sich eine strategisch essenzielle Zukunftstechnologie (ADCs) einzuverleiben. Telix Pharmaceuticals hingegen ist selbst ein mittelgroßes, aufstrebendes Biotech-Unternehmen aus Australien (Marktwert ca. 5,7 Milliarden AUD, etwa 4 Mrd. US-Dollar). Telix besitzt schlicht nicht die Barmittel für ein solches Barangebot und bezahlt ITM deshalb primär über eine Aktienfusion.
Plattform-Prämie vs. Produkt-Bewertung: Bei Tubulis hat Gilead nicht nur das Hauptmedikament TUB-040 gekauft. Sie haben die gesamte P5-Konjugationstechnologie erworben – eine Plattform, mit der Gilead Dutzende neue Medikamente selbst bauen kann. Für solche „Allzweck-Plattformen“ zahlen Konzerne im aktuellen ADC-Hype immense strategische Prämien. ITM bringt zwar eine etablierte Pipeline und die weltweit führende Produktion für das Isotop Lutetium-177 mit. Der Deal ist aber eher eine operative Verschmelzung zweier Spezialisten. Er dient Telix vor allem dazu, die eigene Lieferkette abzusichern und Marktführer bei Radiopharmaka zu werden.
Risiko- und Upside-Verteilung durch Aktien: Für die ITM-Investoren (wie Strüngmann-Athos) ist der Deal weniger „zurückhaltend“ als es aussieht, sondern eher eine Wette auf die Zukunft. Da sie zu 23,7 % am fusionierten Gesamtunternehmen Telix beteiligt werden, partizipieren sie direkt am zukünftigen Kurswachstum. Zudem gelingt auf diese Weise ein Zutritt aufs Börsenparkett, der sich seit Jahren bei ITM immer wieder verzögerte (früheres Führungspersonal sprach einmal von einer Handvoll weit fortgeschrittener Fast-Börsengänge mit allen Details der Vorbereitung, die wegen schlechter Rahmenbedingungen kurzfristig intern abgesagt wurden, bevor sie an die Öffentlichkeit drangen). Wenn die US-Zulassung für ITM-11 durchgeht und die Produktion skaliert, könnte der Wert ihrer Telix-Aktien den Tubulis-Deal langfristig sogar einholen, das mag die Kalkulation hinter dem aktuelln Deal sein. Der ITM-Deal wirkt also nur deshalb gedämpfter, weil er eine strategische Aktien-Partnerschaft auf Augenhöhe ist, während Tubulis ein klassischer, aggressiver Cash-Buyout durch Big Pharma war.
Augenreiben in München
War es dann nun mit der Münchner Biotech-Region? Wohl kaum. Die Gräfelfinger Immunic wartet als nächster Kandidat auf, wenn die nächsten klinischen Daten in Multipler Sklerose überzeugen (oder die übernächsten), dass dort ein großer Deal stattfinden könnte. Doch danach? Dann dürften die großen Biotech-Deals für eine Weile einen Bogen um München machen, denn in dieser Größenordnung der mit viel externem Kapital ausgestatteten Firmen gibt es derzeit keine anderen Ziele mehr in der Region. Die nächste Generation aus einzelnen Wirkstoffklassen oder Applikationstechnologien sowie speziellen Indikationen wie Ethris, SciRhom, mbiomics, Smartbax oder in der industrielle Biotechnologie die Firma Amsilk spielen noch in einer anderen Liga oder sind, wie Amsilk, mit der Erlösmaximierung über die eigene Produktionsplattform beschäftigt und nicht unbedingt auf dem Radar für Käufer.
Das viele Geld, das in ITM hineingesteckt wurde, kommt über den mehrheitlich in Aktien bezahlten Deal nun nicht in einer Währung an die Investoren zurück, die diese gleich wieder in nächste Unternehmen stecken können, so dass das Argument, das bei Tubulis in der Region zu vernehmen war, die Investoren seien alle glücklich und werden erneut investieren, bei ITM zumindest eine gewisse zeitliche Verzögerung sehen wird.

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